MIKROKOSMOS 1990

Das Jahr 1990 ist der Kern von Vajswerks neuer Erzählung der DDR-Geschichte. 2025 ist ein Jubiläumsjahr, viele werden sprechen. Alle wissen Bescheid, irgendwie, die einen werden ihr Erbe pflegen, die anderen ihre Wunden zeigen, Sonntagsreden werden gehalten; die meisten werden schweigen, gar nicht merken, dass unsere (gesamtdeutsche) Gegenwart vor 35 Jahren begann. Vajswerks Mikrokosmos 1990. Ende und Anfang eines Landes richtet sich sehr wohl an diejenigen, die damals dabei waren, aber vor allem an die Menschen, die dafür zu jung waren, so jung sind, wie die handelnden Personen im Recherche-Theater-Stück:

Vier junge Menschen stehen auf der Bühne, sie kommen aus vier Städten der DDR, es ist das Jahr 1990. Ja, sie kommen aus Leipzig und der Hauptstadt der DDR, aber auch aus Hoyerswerda und aus Wismar, auf dem Weg nach Rostock. Jede und jeder der Vier steht für ihre und seine Stadt; wenn sie Verstärkung brauchen, kommen die anderen hinzu. Das Publikum schaut auf jede einzelne Stadt und auf die ganze Republik, im Laufe eines Jahres. – Die Vier sind Schauspieler:innen, zu ihnen gehören vier Historiker:innen. Die Wissenschaftler:innen und die Künstler:innen recherchieren gemeinsam; im mehrmonatigen Arbeitsprozess entsteht ein multi-perspektivisches Theaterstück.

Die handelnden Personen kommen natürlich aus dem Jahr 1989. Sie haben die Massenproteste, die Staatskrise, den Beginn einer Revolution erlebt, sie haben eingegriffen oder einfach beobachtet. Wie geht jetzt – im Jahr 1990 – alles weiter – alles zuende? War das eigene Land, das sich endlich neu zeigte, so jung wie man selbst, plötzlich schon wieder alt? Bleibt einem nur die individuelle Freiheit und die Politik überlässt man jenen, die bald zu „denen da oben“ werden?

So erzählt Vajswerks Projekt auch von unserer Zeit. Mit der Zeit von damals, mittels einzelner Biografien, denen wir durch das Jahr folgen, in dem Deutschland eins wurde und sich in der Interpretation der Geschichte uneins bleibt.

Von und/oder mit Linda Fülle, Laura Mitzkus, Ulrike Müller/Greta Galisch de Palma, Stephan Thiel/Daniel-Frantisek Kamen; Maxie Jost, Katja Lehmann, Stefan Paul-Jacobs, Christian Tietz.

Die beiden Werkstattaufführungen in Berlin waren am 9. Juli im Theater unterm Dach und am 10. Juli im Haus der Jugend Zehlendorf. – Im Oktober (und Februar 2026) geht es an alle vier Orte des Mikrokosmos 1990: Berlin 09.10. Theater unterm DachRostock 10.10. Theater FreigeisterHoyerswerda 21.02.26 Stadtmuseum im SchlossLeipzig 14.10. Ost-Passage Theater – in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek. Einen Einblick in den Arbeitsprozess und das Bühnengeschehen geben Deutschlandfunk Kultur und radio3 und ein Gespräch auf RadioBlau sowie unser Hörstück, seit 3.10. on air:

Den Flyer gibt es hier.

Das Projekt wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung.

 

WAS DENN SCHIEFE BAHN

Was denn, was denn, was gibt’s denn, was ist denn? Schief? Eine Bahn? Der gerade Weg des Lebens? Gibt es den, wollen wir den? Und wenn, wenn wir den verlassen, kommen wir nicht wieder auf ihn zurück? Und die schiefe Bahn führt uns geradewegs in den Abgrund? – Sind das nur Sprüche, Worte von Vorgestern? Aber es gibt sie ja, diese Straftaten, also die sichtbare Kriminalität, von Jugendlichen. Die findet sich wieder in Gangsterraps, Instaposts, Politikertweets, Zeitungsschlagzeilen, in Urteilen des Jugendgerichts. Das Jugendstrafrecht trat übrigens vor hundert und einem Jahr in Kraft, 1923.

Wir machen uns heute auf die Spur – nach den Jugendlichen, von denen wir erstmal nur die Gerichtsurteile kennen. Dann kommen die Geschichten. Allmählich entsteht ein Mensch. – Was wissen wir, wie nah können wir einem Anderen kommen; was sind unsere Vorurteile, was erzählen wir von uns selbst?

Was denn schiefe Bahn?! ist eine Jugend-Recherche-Theater-Musik-Kunst-Performance über Straffälligkeit – und den Menschen, die dahinter stecken. – Es spielen Jugendliche der Gail S. Halvorsen Schule im Verbund mit einer Aktionskünstlerin, einer Schauspielerin, einem Schauspieler und einem Regisseur – von Vajswerk.

Unsere erste Vorstellung fand statt am 1. Februar 2024 im Haus der Jugend Zehlendorf. Die zweite Runde des Projekts erlebte am 30. Januar 2025 seine Uraufführung. Und die dritte Runde wird am 29. Januar 2026 zu sehen sein, in der Jfe Flemmingstraße, um 18 Uhr  – Das Projekt wurde und wird gefördert mit Mitteln des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf / Jugendamt.

Fotos vom Februar 2024 und vom Januar 2025 (die 2025er gibt es auch als PDF):

PLATTE MACCHIATO

Is’ dir Latte? – Alles Platte!

Denn im Plattenbau passiert etwas. Etwas, von dem wir alle erfahren sollten…

Raus aus den großstädtischen Straßenschluchten, weg von den verkehrswendeüberfälligen Autobahnschneisen, genug von pastellfarbenem Menschengedränge. Und rein in das platte Land zwischen Fläming und Lausitz, rein in die gute Stube mit Grünkohlduft und Gardinenblick, rein in den Plattenbau am Kleinstadtrand.

Kein in sich geschlossener Mikrokosmos und auch keine Schablone für die Lieblingsvorurteile, sondern ein lebendiges Stück Gesellschaft, das ist die Platte. Und es gibt sie tausendfach, insbesondere auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

In der südbrandenburgischen Kleinstadt Herzberg (Elster) lebt fast ein Viertel der Bevölkerung in einer der drei Neubausiedlungen Herzberg-Nord, Wilhelm-Pieck-Ring oder Richard-König-Straße. Und genau dorthin lädt Platte Macchiato ein.

Platte Macchiato heißt Begegnung und Mix im Plattenbau: Begegnung zwischen Generationen und Kulturen, Mix von Stadt und Land, Dialog zwischen Alltag und Kunst.

Platte Macchiato präsentiert keine Recherche-Ergebnisse, sondern ist offengelegter Recherche-Prozess. Platte Macchiato ist kein Spartenerfüller, sondern ein Collagenentwickler. Platte Macchiato sucht die goldene Mitte, aber findet den goldenen Schnitt.

Platte Macchiato besteht aus einer Atelier- und einer Leuchtturm-Wohnung. Dort finden unregelmäßige offene Formate statt, es werden Gäste geladen, gemeinsame Geschichten manifestiert und das Platte-Macchiato-Manifesto geschrieben. Wer von alldem etwas lesen oder hören möchte, zum Beispiel Manifest-Entwürfe und Interviewschnipsel, aber auch Termine von öffentlichen Veranstaltungen, kann sich hier für den Newsletter anmelden: allesplatte@posteo.de

Wer selbst Teil der Bewegung werden möchte, ist herzlich willkommen! Dafür bitte eine Mail mit dem entsprechenden Codewort an allesplatte@posteo.de schreiben:

Besuch“ für Vor-Ort-Besuche (zum Kieken oder Mitmachen)

Komplizin“ für eigene Beiträge in Form von Formaten oder Werken, die vor Ort durchgeführt bzw. präsentiert werden können

Stimme“ für virtuelle Beiträge für den weiteren Austausch, zum Beispiel eigene Geschichten, Texte, Fotos, Bilder, Musik etc.

Platte Macchiato wird gefördert im Rahmen des Programms „Miteinander Reden“ durch die Bundeszentrale für politische Bildung sowie mit großzügiger Unterstützung der WBG Elsteraue und der Stadtverwaltung Herzberg (Elster).

#geschichte_schreiben

Wir stellen uns etwas vor, was es so nicht gibt: zum Tag der Europäischen Erinnerungskultur lädt der Verein für Völkerverständigung zu einem Symposion. Man erwartet sich Impulsreferate unter dem schlichten Titel „Ein Land und seine Verantwortung vor der Geschichte.“ Vier Universitätsdozent:innen werden in Berlin erwartet: vom Südeuropa-Institut, vom Südosteuropa-Institut, vom Nordeuropa-Institut und vom Institut für Germanistische Studien. Die vier Vortragenden beginnen staatstragend, mit der offiziellen Geschichtsschreibung, zum Mitschreiben. Dann melden sich Stimmen, die das jeweilige Geschichtsbild verrücken, es aus dem Rahmen treten lassen. Es gibt sie ja nicht, die Eine Erzählung, die Eine Position, Perspektive.

Das Recherchekollektiv Vajswerk zeichnet sich seit sieben Jahren durch Projekte aus, in denen Geschichte erforscht und dargestellt wird, multi-perspektivisch. Mit #geschichte_schreiben wird nun die Probe auf das Exempel gemacht: wie aus Geschichte Politik wird, wie manche Ereignisse für das historische Gedächtnis konstitutiv und manche verworfen, „vergessen“ werden. Im Zusammenspiel mit vier Historiker:innen verfolgen vier Schauspieler:innen geschichtspolitische Diskurse in Europa und laden Ende April 2023 zu einem fiktiven Symposion, zu einem richtigen Theaterabend: im historischen Saal der deutschen Kapitulation 1945, im heutigen Museum Berlin-Karlshorst.

Mit: Ines Miro, Laura Mitzkus, Christian Erdt, Charles Toulouse; Dr. Ursula Rütten, Hanna Sjöberg, Stefan Paul Jacobs, Dr. Lucas Hardt; Felicitas Braun, Renske de Vries, Christian Tietz. – Foto von Lena Obst ©

Uraufführung am 22. April 2023; weitere Aufführungen am 23./29./30. 04; 19 Uhr im Museum Berlin-Karlshorst.

Den Flyer gibt es hier und die Pressemappe hier; die Texte der Expert:innen können hier eingesehen werden. Begleitend entstand dieser 6-teilige Podcast, nachzuhören auf Soundcloud:

 

 

 

#geschichte_schreiben wird gefördert durch den Fonds Darstellende Künste im Rahmen von „Neustart Kultur“ sowie der LIRI-Stiftung.

 

Fotos von Lena Obst ©

 

 

 

 

 

ORTOPIA. Mein Ort der Utopie.

-Von Orten und Nicht-Orten.- 

Von politisch-ideologischen Utopien aus der Vergangenheit reisen wir in die Gegenwart und begeben uns auf die Suche nach aktuellen und zukünftigen utopischen Ideen und deren Realisierung im urbanen Raum.

Orte utopisch denken heißt für uns, nach Visionen gemeinschaftlichen und nachhaltigen Zusammenlebens zu suchen, in welcher politische, ökologische, soziale und ökonomische Entwicklungen nicht einfach hingenommen werden, sondern Forderungen gestellt und Formen der Umsetzung entworfen werden.

Es gibt virtuelle Treffen auf WebEx und analoge – in Kleinstgruppen – im Haus der Jugend sowie Streifzüge in die Stadt, zu utopischen Orten.


Zwischenfazit:

Das Zeug bringt uns Feuer; der Zug führt Samen, aus denen Bäume und Bücher wachsen. Auf einer Traum-Insel teilen wir uns Musik und sehen gewürfelte Seifenblasen in die Ferne ziehen. 

Das utopische Potential haben wir gesucht und gefunden. Es ist ohne feste Form, unendlich miteinander teilbar. Mal als Ei, mal als Granit-Kugel, mal als undurchsichtiger Haufen, mal als Samenkorn.

Wir haben geträumt, gingen spazieren und formten unsere Ideen zu plastischen Planeten aus Ton. Wir besuchten den SOLAWI-Hof Apfeltraum, diskutierten zu der Idee des Grundeinkommens mit dem Verein Mein Grundeinkommen e.V., besuchten die NGO cradle 2 cradle, entdeckten die wilden Pflanzen in den Prinzessinnengärten Neukölln und beschäftigten uns mit der gemalten Reise zur utopischen Insel „Kytherra“.

Was wollen wir jetzt? Wir wissen: es gibt nicht DIE eine Utopie. Utopien sind individuell. Die Chance zu haben, sich über Utopien Gedanken zu machen, ist ein Privileg. Utopien sind irgendwo zwischen Vergangenheit, Träumerei und Zukunft. 

Am 18. September 2020 möchten wir mit euch einen utopischen Ort gestalten – zumindest temporär. Weitere Infos folgen in Kürze.

ORTOPIA. Mein Ort der Utopie wird gefördert vom Fonds Soziokultur – für Jugendliche bis 27 Jahren.

Den Flyer zur Veranstaltung finden Sie hier.

 

 

UNSER ERBE? Zehlendorf im Osten der Republik.

Mit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung lag auch der Berliner Südwesten plötzlich im Osten der Republik, mitten in der einstigen DDR. 30 Jahre ist das nun her. Ist das unser Erbe?

Mit Jugendlichen aus dem Bezirk (und gerne auch darüber hinaus) gehen wir dieser Frage nach – und geben letztlich darauf eine Antwort, der theatralischen Art.

Im Laufe des Projektes besuchen wir zwei Museen (machen vielleicht auch einen Ausflug) und unterhalten uns mit sechs Vortragenden, die wir im Haus der Jugend Zehlendorf treffen: • die als ostdeutsche Jugendliche die Wende-Revolutions-Zeit erlebten • die als Kind mit den Eltern aus der BRD in die DDR zog • der als Soldat an der deutsch-deutsche Grenze patrouillierte und die als Schriftstellerin über jene einen Bestseller schrieb • der als ‚West-Import‘ Hochschulrektor in Thüringen wurde.

• Cindy Zinser und Alexander Skoczowsky: Vorwendejugend Aufwachsen in der Endzeit der DDR (Di., 13.10., 19 Uhr)

• Annette Leo: „Wo gefällt es Dir besser, im Osten der im Westen?“ 2x Deutschland, die Gründung von BRD und DDR (Di., 20.10., 19 Uhr)

• Mario Dittrich und Isabel Fargo Cole: Die Grenze, ein Grenzsoldat und eine Schriftstellerin Die innerdeutsche Grenze im Harz; militärische Sicherung und literarische Verarbeitung. (Di., 27.10., 19 Uhr)

• Wolf Wagner: Transformation, Übernahme, Ausverkauf? Wiedervereinigung per Beitritt – welche Folgen hatte diese Entscheidung? (Di., 10.11., 19 Uhr)

Wir verfolgen und gestalten diesen Prozess und geben ihm zum Schluss eine Form, einen Ausdruck.

Wegen des Lockdowns war eine öffentliche Performance nicht möglich. Stattdessen fand am 24. November 2020 eine Filmpremiere statt, mit einzelen Filmen zu den einzelnen Vorträgen. Dazu gibt es auch einen Trailer, s.u.

Gefördert mit Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, aus dem Bezirkskulturfonds Darstellende Kunst.

 

Den Flyer zum Stück findet Ihr hier.

https://youtu.be/EVEDvdaSyZ0

UNTER TROLLEN

Eine Theaterwerkstatt, ein Basketballverein oder die Kampagne zur Umbenennung einer Schule geraten unter Beschuss von Trollen. Die betroffenen Jugendlichen wollen das nicht hinnehmen und machen sich ans Werk. UNTER TROLLEN ist ein Theaterprojekt von und mit Jugendlichen, das sich mit dem zeitgenössischen Phänomen von Internet-Trollen inhaltlich und künstlerisch auseinandersetzt.

Das Phänomen ist nicht neu. Schon seit Mitte der 1980er gibt es im Netz digitalen Hass. Seitdem ist viel passiert. Trolle haben Hochkonjunktur. Sie unterminieren Diskussionen durch Häme und Beleidigungen in Kommentarspalten, beeinflussen Wahlen durch Fake News und sorgen für eine Verrohung der Streitkultur. All das spiegelt einen Trend wider, der sich nicht nur im Netz abspielt, sondern gesamtgesellschaftlich. Trolle haben eine politische Agenda. Ihre Absichten sind finster, rückwärtsgewandt und oftmals von national-chauvinistischer Ideologie geprägt.

Gemeinsam mit den Jugendlichen lesen, recherchieren wir, befragen geladene Expert*innen, beschäftigen uns mit Quellen, führen Interviews, berichten uns von eigenen Erfahrungen, schauen uns konkrete Fallbeispiele an. Folgenden Fragen möchten wir dabei nachgehen: Wer sind die Personen hinter den meist anonymen Accounts? Wovon werden sie angetrieben? Welche Methoden und Mittel benutzen sie, um ihren Hass zu verbreiten? Wie wirkt sich trolling auf Diskussionen aus und welche Folgen ergeben sich daraus? Hat diese Entwicklung eine Bedeutung für den Alltag junger Menschen und wenn ja, welche?

Es spielen und recherchieren Jugendliche der Gail S. Halvorsen Schule und des Haus der Jugend Zehlendorf

Video- und Animation: Sandra Rokahr, Wissenschaftliche Begleitung: Natascha Konradova; Dramaturgie: Mikhail Kaluzhsky; Projektleitung: Christian Tietz; Künstlerische Leitung: Charles Toulouse

UNTER TROLLEN wird gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung.

Uraufführung am 24. Januar 2020 im Haus der Jugend Zehlendorf

Fotos und Trailer: Kai Otte

Den Flyer zum Stück finden Sie hier. Und einen Pressebericht von Zehlendorf Aktuell hier.

SIMON WINKLER 1986-2007 SCHAUSPIELER

Ein Recherche-Theater-Projekt von Filou · AMG · Vajswerk

Ausgezeichnet mit dem amarena-Förderpreis des Bundes Deutscher Amateurtheater 2017

SIMON WINKLER 1986-2007 SCHAUSPIELER wird ein Stück über einen jungen Menschen in einer kleinen Stadt. Der spielte Theater, ging auf die Schauspielschule und starb mit 21 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Wir zeigen seine Geschichte und zugleich die einer Jugend – und fragen uns: Was bleibt von einem Leben, das so kurz und so plötzlich vorbei war?

Nach einer Recherchephase im Frühjahr steht im Herbst eine Reihe Schauspieler auf der Bühne des Beckumer Stadttheaters, seines Theaters. Die Akteure sind zum einen seine Bekannten und zum anderen Schüler*innen des AMG, seiner Schule, des Albertus-Magnus-Gymnasiums.

Das gesammelte biographische Material – drei Antworten auf drei Fragen – ist der eine Teil der Inszenierung, der andere sind die Filmausschnitte mit Simons Rollen bei Filou: Der Bürger als Edelmann, Frohes Fest, Bubblegum und Brillianten, Norway.Today, Klasse der Besten, Hamlet. Es entstehen unterschiedliche Bilder eines Menschen: durch Erzählungen, Kameraaufnahmen, Rolleninterpretationen, Schülerimprovisationen.

Die Jugendlichen von heute sind schon auf der Bühne, die Jugendlichen von damals treten hinzu – sie kommen wie gerufen und spielen mit. Die schriftlichen Antworten werden zu mündlichen, die Antwortenden werden zu Mitspielern. In dem Augenblick eines Theaterabends bildet sich ein Ensemble aus Jugendlichen, jetzigen und damaligen, mit einem Jugendlichen in ihrer Mitte, Simon Winkler. – Das Stück wird keine Gedenkveranstaltung; es handelt vom Tod, aber mehr noch vom Leben und vom Theater.

Mit Anja Plassmann, Anna Hillmer, Christian Tietz, Felicitas Braun, Hilde Broschk, Joshua Engel, Marina König, Markus Berkemeier, Melanie Jantzen, Nisa Dinc, Tabea Lotka, Tendayi Plokarz.
Regie & Idee: Christian Tietz, Filmaufzeichnung: Kalla Füchtenkamp, Schnitt: Felicitas Braun

Die beiden Aufführungen waren am 18. und 19. November 2017 im Stadttheater Beckum zu sehen. Die Projektpräsentation samt Preisverleihung fand am 28. September 2018 beim bdat-Festival in Leipzig statt.

Trailer:

Stückdoku:

Photo: Norway.Today, 2005, Bühnenbildmodell von Christian Held

ANKUNFT BERLIN

ANKUNFT BERLIN. Ein Recherche-Theater-Projekt in zwei Teilen

Teil 1:
Im März 2017 wurden 15 junge Geflüchtete zu Autoren ihrer eigenen Geschichte: In zwei Workshops mit dem Medienpädagogen Paul Rieth und Projektleiter Mirko Winkelmann lernten sie Filmen und Schneiden – mit ihrem eigenen Mobiltelefon.

Sie berichteten von einem Ding, das sie vermissen, entbehren, das sie verloren haben. Von diesem verlorenen Ding erzählten sie an einem Ort, den sie selbst bestimmen, vor einem Kameramann, den sie selbst bestimmten.

Am Anfang und am Ende des Projekts kamen alle Jugendlichen zusammen; das Projekt startete mit dem gegenseitigen Kennenlernen bei der Eröffnungsveranstaltung und endete mit einer Präsentation vor Publikum. Ein Ergebnis der Workshops ist hier zu sehen:

Aufgrund des Persönlichkeitsrechts und in Absprache mit unserem Kooperationspartner, der sozialpädagogischen Praxis Langer, können an dieser Stelle leider nicht alle Ergebnisse der Workshops veröffentlicht werden.

Unser Dank gilt allen Teilnehmern und Unterstützer*Innen des Projekts.

Projektleitung: Mirko Winkelmann
Assistenz: Margarita Iov; Janetta Stroutchenkov
Workshops: Paul Rieth, Mirko Winkelmann
Pädagogische Mitarbeit: Marcus Heusel

In einem zweiten Teil von ANKUNFT BERLIN entwickelt Vajswerk eine historische Perspektive und blickt vom Ende des 1. Weltkriegs auf hundert Jahre Immigration nach Berlin. Die aktuellen Erzählungen und Filme der jugendlichen Flüchtlinge aus dem ersten Teil von ANKUNFT BERLIN werden damit integraler Bestandteil eines Gesamtpanoramas, eines imaginären Museum der verlorenen Dinge.

Teil 2:

Ein zufälliger Ort, ein Warteraum, ein Café, ein Bahnhofscafé. An dieser Stätte – in einer Stadt namens Berlin – führt das Schicksal sechs Menschen zusammen. Das Schicksal? Die Geschichte, unsere Geschichte, unser Stück. Sechs Biographien, die sich in einem Punkt kreuzen, aber hundert Jahre durchmessen und in verschiedenen Teilen der Welt beginnen: in Indochina, im osmanischen Reich, in der Sowjetunion, in Jugoslawien, in Galizien, in Schlesien, im Sudentenland.

Die sechs Menschen kommen aus Ländern, die mittlerweile nicht mehr existieren, zu neuen Staaten wurden, an andere Staaten fielen. Jetzt befinden sich diese Sechs auf einer Theaterbühne. Nicht als authentische Figuren im historischen Gewand. Biograph*innen haben nach ihnen recherchiert, sind in Archive gestiegen, haben Erinnerungen gelesen, Interviews geführt – haben für ein imaginäres Museum nach verlorenen Dingen gesucht. Sie sprechen.

In der Wirklichkeit des Theaters kommen diese Menschen zusammen, im Laufe eines Theaterabends entfalten sich ihre Lebensgeschichten, werden zum Panorama unserer Stadt. Erzählt wird anhand von Exponaten, so wie es sich für ein Museum gehört. Die Spielfassung gleicht einem Ausstellungskatalog, wie es Orhan Pamuk in seinem Roman „Das Museum der Unschuld“ beschreibt: die Summe der einzelnen Gegenstände ergibt die Geschichte, hier die Geschichte von sechs Menschen. Wie beim Literaturnobelpreisträger wird das Vajswerk-Museum „ausgewiesenermaßen ein Ort zum Leben.“

Teil 1 wird gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung. Die Uraufführung von Teil 2 steht noch aus.