Schreiben ist Zuhören

Anne Decker hat in der mittleren Projektphase die bis dahin gesammelten historischen Ereignisse für „Großes Kino DDR“ zu einem Stücktext verfasst – der Grundlage für die Proben und Vorlage zum Rumkauen, Weiterspinnen, Anfassen und Verwerfen war.

Wie lässt sich ein Berg Akten in Fleisch verwandeln? Im August lag eine ganze Dropbox voller Dokumente über drei junge Menschen vor mir. Material, dass die Historiker von Vajswerk sowie das ganze Team gesammelt hatten. Ich hatte Fragen, wir hatten Fragen: Wie hängt das Leben dieser Menschen zusammen? Was hat sie angetrieben und gebremst? Und wie lässt sich all das darstellen?

Im Schreibprozess ging es mir vor allem darum, die Antworten, die ich durch die Dokumente gesammelt hatte, wieder zu Fragen zurückzuformulieren. Schließlich ermächtigen wir uns in „Großes Kino DDR“ zweier Menschen, die nicht selbst zu Wort gekommen sind und einer Zeitzeugin, die zur Premiere kommen wird. Wie können wir wissen, was passiert ist?

Ausloten der Grauzone zwischen Gewaltstaat und Ostalgie

Daran knüpfte auch die Frage an: Wie lässt sich DDR-Geschichte überhaupt in einem Theaterabend verdichten? Weit vor Beginn des Schreibprozesses hat mich Charles Toulouse auf den inspirierenden Beitrag von Carola Rudnick während einer Podiumsdiskussion beim Deutschlandfunk aufmerksam gemacht. Sie sprach zum Thema „DDR neu erzählen“ und beschrieb zwei bisherige Pole der DDR-Geschichtsschreibung: Entweder wird sie als Gewaltstaat dämonisiert oder in Ostalgie verharmlost. Das wurde zum omnipräsenten Diskussionsthema in der Gruppe. Wir wollten uns in die Grauzone begeben. Und sind dabei auf ein nicht weniger polarisierendes Thema gestoßen: Flucht. Wie gehen wir damit um, dass wir ein mediales Dauerthema als Flaggschiff eines Theaterabends ausweisen?

Voll mit diesen Fragen bin ich in den Schreibprozess eingetaucht. Erst mal musste ich alle verorten: Die Menschen, die da greifbar werden sollen, die Punkte, von denen aus sie ihre Geschichte betrachten, und die Linien, die sie miteinander verbinden. Stehen sie ganz nah beieinander und teilen ein Schicksal? Wie nah stehe ich ihnen und was ist mein Standpunkt zu ihrer Erzählung?

Die Ortswahl bestimmt die Dramaturgie 

Dass die Vorstellungen im Notaufnahmelager Marienfelde stattfinden, dort wo Peter Reisch selbst nach seiner ersten Flucht in die BRD gelandet war, ist das Besondere an der Theaterarbeit mit Vajswerk für mich. Die Ortswahl bestimmt die Dramaturgie, da die Räume eine eigene Atmosphäre haben, die den Umgang mit der Geschichte beeinflussen.

Wie habe ich den Figuren dann eine Stimme gegeben? Um mich ihnen zu nähern, habe ich mich mit ihnen in den Dialog begeben. Das heißt, ich habe losgelegt und einen ersten Text verfasst, in dem die Figuren mir dann zum ersten Mal gegenüberstanden. Dieser Erstentwurf war immer ein kleiner Kampf. Die Figur, die da zu Worte entstehen sollte, wehrte sich gegen meine Sprache. Zu viel von mir als Autorin steckte darin. Sie fühlte sich übergangen. Also habe ich die Szene überarbeitet. In dieser neuen Fassung trafen die Figur und ich uns wieder. Langsam merkte ich, wie sie spricht. Sie wurde mir immer fremder. Und gleichzeitig erkannte ich sie von Mal zu Mal klarer. Ich fand heraus, welche Sätze und Überzeugungen sie verinnerlicht hatte. Bis es nicht mehr meine Stimme war, die da aus dem Papier sprach.

Dieser psychologische Schreibansatz war ein intensiver Prozess, in dem ich Texte überworfen und neu geschrieben habe, sie im Team zur Disposition stellte, Feedback einholte, die nächste Version schrieb … Bis nach mehreren Versionen ein spielbarer Text vor uns lag.

Zu Beginn der Proben waren dann noch so viele Informationen aufgetaucht, sodass die Peter-Szenen vom Schauspiel- und Regieteam komplett neu geschrieben wurden und die Bettina-Szenen ebenfalls einen frischen Anstrich bekamen. Im Probenprozess entwickeln die Schauspieler und der Regisseur außerdem weitere Szenen, sodass das Textkonvolut bis zur Premiere eine flüssige Masse bleibt, die nie richtig fest wird.

Über mich

Mein Name ist Anne Decker und ich bin freischaffende Theatermacherin – sowohl im Theater als auch im öffentlichen Raum, meiner Lieblingsbühne. Ich bin 1989 in Hoyerswerda geboren. Schreiben über die DDR ist für mich unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Kontext, in dem meine Eltern aufgewachsen sind und der mich stark prägte.

Der Fall F.H., die „DDR“ und ihre Aufarbeitung

Sie stehen am Anfang und Ende der direkten Rede oder eines Zitates. Wir verwenden sie aber auch, um Wörter oder Teile eines Textes hervorzuheben, zu denen wir Stellung beziehen oder von deren Verwendung wir uns distanzieren möchten: Anführungszeichen. Sie bilden damit eine Grenze zwischen uns und dem anderen, gestern und heute, „richtig“ und „falsch“. Doch was haben Anführungszeichen mit dem historischen Fall des F.H., der DDR und der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu tun? Historische Schlaglichter auf „Großes Kino DDR“ Weiterlesen

Zwischen Telefon, Archiv und Zeitzeugen

Woher kommt der Text, den die Schauspieler*innen sprechen? Die drei Protagonisten des Stücks, der Mann, der Schütze, die Frau, können uns nur sehr eingeschränkt Auskunft geben. Peter Reisch, der im Juni 1962 nach einem missglückten Fluchtversuch an der Grenze gut vier Wochen später stirbt, hat keine eigene Stimme mehr. Die Freundin Bettina erzählt sechzig Jahre später. Der Schütze lebt noch, schweigt aber.

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DIE GESCHICHTE BEGINNT MIT MEINER GEBURT

Filmreihen, Diskussionsreihen, Artikelserien, Themenabende, Sonderausstellungen, Feierstunden, Volksfeste: 30 Jahre Deutsche Einheit, überall. Etwas in der Art machen wir auch. Aber eben mit Jugendlichen, die garantiert nach 1990 geboren wurden und stellen somit die Frage, was das mit mir zu tun hat; schließlich beginnt die Geschichte doch mit meiner Geburt. Oder? Die Treffen für UNSER ERBE? Zehlendorf im Osten der Republik. finden dienstags statt, um 19 Uhr im Haus der Jugend Zehlendorf. Einfach vorbeikommen!

GROSSES KINO ERBE VIKING

Bevor wir im späteren Herbst mit CODE VIKING beginnen, unserem Rechercheprojekt mit Jugendlichen aus Berlin, Beograd und Narvik, laden wir im Oktober zu zwei unterschiedlichen Projekten zur DDR-Geschichte.

Das erste Treffen für UNSER ERBE? Zehlendorf im Osten der Republik. findet am 6.10. statt, im Haus der Jugend Zehlendorf.

Am 29.10. ist die Uraufführung von GROSSES KINO DDR zu sehen, in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Nach einer authentischen Geschichte, nach Zeitzeuginnengesprächen, Archivbesuchen, Recherchereisen (zum Beispiel in den Harz, siehe Foto) erzählen nun drei Schauspieler*innen drei verschiedene Geschichten, die das Publikum wiederum zu einer macht. Und dann geht der Vorhang auf für Großes Kino DDR?

DER SOMMER VOR 75 JAHREN

Der Weltkrieg ist in Europa zu Ende, jetzt ist Sommer, 1945 und 2020. Blicken wir auf den Anfang, auf die Monate des Sommers nach den Jahren der Verwüstungen: DER SOMMER NACH DEM KRIEG. Stimmen aus Europa 1945.

Drei Historiker*innen sammelten Texte aus Europa, drei Schauspieler*innen tragen sie vor, im Garten des Museums in Karlshorst, am historischen Ort der deutschen Kapitulation vor 75 Jahren: am 8¦9¦15¦16. August, jeweils um 16 Uhr.

Die Veranstaltungen sind umsonst, die Platzzahl ist begrenzt; melden Sie sich bitte an: Kontakt

Für alle Vorstellungen gibt es keine Karten mehr!

Vajswerks Sommertreffen findet auch im Garten statt, allerdings in Zehlendorf, im Haus der Jugend, am 10. August um 19 Uhr. Willkommen auch hierzu!