Der Fall F.H., die „DDR“ und ihre Aufarbeitung

Sie stehen am Anfang und Ende der direkten Rede oder eines Zitates. Wir verwenden sie aber auch, um Wörter oder Teile eines Textes hervorzuheben, zu denen wir Stellung beziehen oder von deren Verwendung wir uns distanzieren möchten: Anführungszeichen. Sie bilden damit eine Grenze zwischen uns und dem anderen, gestern und heute, „richtig“ und „falsch“. Doch was haben Anführungszeichen mit dem historischen Fall des F.H., der DDR und der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu tun? Historische Schlaglichter auf „Großes Kino DDR“

Die Grundlage des Recherchetheaters bilden die Quellen. Über Quellen nähern wir uns unserem Gegenstand, Geschichte und Geschichten, vor allem jedoch den hier involvierten Menschen. Für die Aufarbeitung der Geschichte der DDR spielen zudem Zeitzeugen als lebende Quellen und Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine besondere Rolle, nach Martin Sabrow avancierte der Zeitzeuge in den 1990er-Jahren gar zur Leitfigur der öffentlichen Erinnerung.

Im Fall des F.H. ist dies anders: Erst im Laufe der Recherche stellten wir fest, dass er noch am Leben ist. Als wir ihn kontaktierten, machte er jedoch unmissverständlich klar, dass er sich zu seinen Schüssen auf den Flüchtling Peter Reisch 1962 und seine eigene Flucht in die BRD im Jahr darauf nicht äußern werde. Er schwieg. Hier kamen die Anführungszeichen erstmals und im Fall F.H. auch zum letzten Mal zum Tragen: „Die Sache ist erledigt“, erklärte er am Telefon.

Vom Recht auf Schweigen zum Königsweg Kunst?

Was menschlich nur allzu verständlich ist – wer möchte schon im hohen Alter mit den Fehltritten der eigenen Biographie konfrontiert werden? –, stellte uns als Recherchetheatermacher*innen vor eine schwierige Aufgabe: Wie nähert man sich einem Menschen, der seine eigene Geschichte erzählen könnte, dies jedoch nicht möchte, über den man vieles aus Akten weiß, jedoch nichts von ihm selbst? Wie erzählt man die Geschichte eines Menschen, ohne dessen eigene Worte?

Zur Darstellung des Stoffes gingen wir aus diesem Grund den Weg der Fiktionalisierung. Erstmals lassen wir mit „Großes Kino DDR“ nicht allein die Quellen sprechen. Der Stücktext von Anne Decker basiert auf unserer Recherche, ist aber eigenständig in seinen Inhalten und seiner Gestalt. Er offenbart zudem in seiner Struktur, was häufig im geschichtswissenschaftlichen Diskurs und der Suche nach der Wahrheit verloren geht: dass es die eine Wahrheit meist nicht gibt und im Hinblick auf die vielfältigen Erfahrungen und Erinnerungen auch kaum geben kann.

F.H. vor „Gericht“

Die anhaltenden Auseinandersetzungen mit der Geschichte der DDR und ihrer Aufarbeitung geben darüber Aufschluss. Auch hier waren die Anführungszeichen von großer Bedeutung – jedoch nicht nur im Sinne eines „wer hat was wann gesagt“, sondern auch als „wer spricht wie über was oder wen“. Sie begegnen uns in der Berichterstattung zum Fall F.H., genauso wie in den Ermittlungs- und Prozessakten. Meist ist hier von der sog. DDR, der „NVA“ und der „Republikflucht“ die Rede. Dieser Logik folgend bezogen sich schließlich auch die Richter in ihrem Urteil gegen F.H. auf geltendes Recht der BRD – und bestritten damit, 14 Jahre nach der Gründung der DDR, deren Eigenstaatlichkeit und die Geltung ihrer gesetzlichen Bestimmungen.

Bericht des Hamburger Abendblatts über den Prozess gegen F.H. in der Ausgabe vom 12./13. Oktober 1963

F.H. wurde zu 15 Monaten Haft verurteilt. Dabei wirkte strafmildernd, dass der Grenzsoldat H. „im Gegensatz zu den eigentlichen Verantwortlichen in der SBZ [sic!, SBZ = sowjetische Besatzungszone] die volle Tragweite seines Tuns nicht übersehen“ konnte (so die Urteilsverkündung im Jahr 1963). Das Urteil gegen ihn wurde wiederum zu einem schon damals kritisierten Präzedenzfall der deutsch-deutschen Rechtsgeschichte. Während sich die Spannungen zwischen beiden deutschen Staaten im Zuge der Neuen Ostpolitik Willy Brandts in den 1970ern jedoch allmählich lösten, blieb eines häufig bestehen: die Anführungszeichen.

Anerkennung durch Aufarbeitung?

Allen voran in den Erzeugnissen des Axel-Springer-Verlages war damals stets von der „DDR“ zu lesen – als mahnende Erinnerung, „dass die 17 Millionen Bürger in der DDR weder Bürgerrechte noch Selbstbestimmung noch überhaupt Freiheitsrechte wahrnehmen können,“ wie Verlagssprecher Heiner Bremer einst erklärte. In den medialen Meinungskämpfen waren die mentalen Demarkationslinien damit immerzu sichtbar geblieben.

Erst am 1. August 1989 änderte die „Springerpresse“ ihre Sprachpolitik. Die Anerkennung der DDR von Seiten des wohl einflussreichsten deutschen Verlagshauses erfolgte damit zu einer Zeit, als diese sich bereits aufzulösen begann. Doch auch nach dem Mauerfall war es um die Anerkennung der Lebensrealitäten und -leistungen vieler Ostdeutscher oft nicht gut bestellt. Der Konjunktur von Zeitzeugenberichten zum Trotz, fanden viele ihrer Geschichten kein Gehör. Zur Aufarbeitung der Aufarbeitung der DDR-Geschichte gehört dabei jedoch auch, dass viele geschwiegen haben und dies bis heute tun. Sei es, weil sie sich fürchteten, als Ostalgiker oder gar Jammerossi verunglimpft zu werden. Oder sei es schlicht, weil für sie die Sache (in Anführungszeichen) erledigt war.

Über mich

Mein Name ist Mirko Winkelmann. Christian Tietz und ich haben im Jahr 2015 Vajswerk gegründet, zunächst als GbR, später mit anderen im Kollektiv als Verein. Vorausgegangen war eine gemeinsame Inszenierung beim Berliner Historikerlabor, die mit dem Hans-Frankenthal-Preis ausgezeichnet wurde. Als erster Vorsitzender des Vereins kümmere ich mich vorranging um Prozesse im Hintergrund sowie den Außenauftritt des Vereins, bin jedoch auf Grund meiner hauptberuflichen Verpflichtungen selten direkt in einzelne Projekte involviert. Für „Großes Kino DDR“ habe ich die historische Hintergrundrecherche zum Fall F.H. übernommen.

Hier geht es zu den anderen Blogeinträgen: Projekt im Prozess – Großes Kino DDR.

VVK unter info[at]vajswerk.de. Eintritt: 10/7€.