Zwischen Telefon, Archiv und Zeitzeugen

Woher kommt der Text, den die Schauspieler*innen sprechen? Die drei Protagonisten des Stücks, der Mann, der Schütze, die Frau, können uns nur sehr eingeschränkt Auskunft geben. Peter Reisch, der im Juni 1962 nach einem missglückten Fluchtversuch an der Grenze gut vier Wochen später stirbt, hat keine eigene Stimme mehr. Die Freundin Bettina erzählt sechzig Jahre später. Der Schütze lebt noch, schweigt aber.

Die Stimmen der Beteiligten zu finden und zum Sprechen zu bringen, ist meine Aufgabe. Ich bin Stefan Paul-Jacobs, Historiker und suche nach Literatur, Schriftstücken, Dokumenten und Zeitzeug*innen, die uns etwas über die Zeit, die Menschen und die Tat erzählen können. Bevor es mit der Recherche zu den einzelnen Personen losgeht, gilt es, den Kontext zu erfassen. Wie sieht das historische Panorama aus, vor dem sich diese Geschichte dreier junger Menschen in der DDR abspielt? Diverse Bücher, Aufsätze und Katalogbeiträge helfen, sich über diese Sachverhalte klar zu werden. Wenn man allerdings etwas über die Protagonisten erfahren will, ist historische Expertise gefragt: In welchen Archiven könnte etwas über unsere Personen zu finden sein?

Archive sind seltsame Gebilde. Sie verwalten das Gedächtnis von Gemeinschaften und Institutionen, sie schützen und hüten es. Dieses Schutzbedürfnis macht den Zugang zu den Quellen nicht leicht. Es müssen Anträge ausgefüllt werden, die ein berechtigtes Interesse am Thema nachweisen oder die Versicherung, bei der Aufarbeitung von Personen der Zeitgeschichte auf den Schutz der Persönlichkeit zu achten.

Der Zugang zu „meinem“ Protagonisten gestaltet sich aber auch aus inhaltlicher Sicht schwierig. Direkte Selbstaussagen von ihm liegen nicht vor. Peter Reisch spricht im Wesentlichen durch andere, wie seine damalige Freundin, die ausführlich von sich und Peter erzählt. Dazu kommen Aktenbestände des Ministeriums für Staatssicherheit, das sich sehr für den Rückkehrer Reisch nach seiner ersten Flucht interessiert und nach seinem zweiten gescheiterten Fluchtversuch ausführlich ermittelt. Die Akten des Notaufnahmelagers in West-Berlin, wo er nach seiner ersten Flucht untergebracht war, dürfen nur „Abkömmlinge“ (so steht es im Ablehnungsschreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das den Bestand verwaltet) einsehen.

Auf Skizze ist Flucht von Peter Reisch rekonstruiert

Wo finde ich die Akten, die etwas über das Leben von Peter Reisch erzählen? Begonnen hat meine Reise durch die Archive in Berlin, wo das Bundesarchiv die Akten der DDR-Grenztruppen bereitstellt. Dort lese ich Tagesprotokolle von Grenzzwischenfällen an der innerdeutschen Grenze, dort findet man Berichte, wie sich die Flucht von Peter Reisch am 5.6.1962 aus der Sicht der Grenztruppen abgespielt halt. Ein schönes Fundstück ist eine gezeichnete Skizze, die den Tatverlauf kurz nach dem Vorfall rekonstruiert.

Die Behörde, die die Stasi-Unterlagen von Peter Reisch verwaltet, schickt mir seine Akte, die nur vierundzwanzig Seiten umfasst. Sie dokumentiert sein Leben in vielen Facetten, hier erfahre ich etwas über seine Ausbildung, über die erste Flucht nach Westdeutschland zu seinem Onkel und die engmaschige Überwachung des Rückkehrers in die DDR durch die Staatssicherheit. Hier findet sich auch ein Verhör der Freundin von Reisch durch die staatlichen Behörden. Für die Recherche ist das sehr ergiebig, weil man im Gespräch mit ihr vieles präziser erfragen kann und manches, was in der Erinnerung verblasst ist, wieder hervorholen kann. Ein manchmal doch schmerzhafter Prozess …

Facettenreichtum, der ein Schubladendenken verunmöglicht

Der nächste Aktenbestand findet sich auch im Bundesarchiv, aber im zweiten Amtssitz in Koblenz. Dort werden die Akten der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter aufbewahrt, die Anfang der sechziger Jahre in der Bundesrepublik gegründet wurde, um nicht verfolgte Straftaten in der DDR zu dokumentieren. In diesen Akten finden sich zahlreiche Aussagen von westdeutschen Grenzschützern und ehemaligen Grenzsoldaten der DDR, die in den Westen geflohen waren und ausführlich über den Vorfall im Harz berichten. Diese Akten bilden auch die Grundlage für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen andere beteiligte Grenzsoldaten in den neunziger Jahren. Dreißig Jahre später berichtet dann beispielsweise der Begleiter des Schützen von den Vorgängen im Jahr 1962. Die Akten der Staatsanwaltschaft in Berlin finden sich im Landesarchiv in Berlin. Das Verfahren gegen den Schützen, der 1963 in den Westen geflohen war, fand bereits damals vor dem Schwurgericht in Stuttgart statt. Diese Akten befinden sich im Landesarchiv Stuttgart, Außenstelle Ludwigsburg.

Belobigungen des Schützen F.H.

Verblüfft hat mich bei all diesen Recherchen, dass das Bild von den Personen und Abläufen nicht immer klarer wurde. Mit der allmählichen Anhäufung von Materialien und Stimmen war eher eine zunehmende Unschärfe verbunden, oder positiv formuliert: Die Anzahl der Facetten des „Falls“ wurden immer größer. Damit hat sich im Laufe der Recherche auch das Verhältnis zu den Protagonisten verändert. Waren es zu Beginn der Recherche die Gegensätze der Personen, die sich aufdrängten, der Schütze – der Flüchtling, der Verbrecher – der Freiheitsliebende, so veränderte sich im Laufe der Recherche der Blick auf die beteiligten Personen. Plötzlich wurden Gemeinsamkeiten spannender: das Alter, die Herkunft aus Flüchtlingsfamilien, die Probleme in der Schule, der Versuch, sich den aggressiven Werbern der Nationalen Volksarmee zu entziehen und schließlich die Sehnsucht, in den Westen zu gehen. Waren es nur ein paar Zufälle, die zu so unterschiedlichen Lebensverläufen führten?

Über mich

Mein Name ist Stefan Paul-Jacobs, nach einer Ausbildung zum Verlagskaufmann folgte das Studium der Geschichte, Empirischen Kulturwissenschaft und Germanistik. Ich bin Kurator und Ausstellungsdramaturg zahlreicher kulturhistorischer Ausstellungen und gründete 2007 „jacobsundpaul. Büro für Geschichte.“ in Leipzig. Seit 2012 arbeite ich unter anderem mit Christian Tietz an verschiedenen Dokumentar-Projekten. „Großes Kino DDR“ ist mittlerweile das sechste Theaterprojekt, an dem ich vor allem in der Recherche tätig bin.

Hier geht es zu den anderen Blogeinträgen: Projekt im Prozess – Großes Kino DDR.

VVK unter info[at]vajswerk.de. Eintritt: 10/7€.  

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