NOCH SO JUNG, IM SOMMER 1962, ALS EINER GEHT, EINE BLEIBT, EINER SCHIESST.

Im Sommer 1962 waren sie 18, 19 und 21 Jahre alt. Als er weg wollte, von einem Deutschland ins andere. Als sie bleiben wollte; in der DDR war doch ihr Zuhause. Als ein Grenzsoldat dem Schießbefehl gehorchte und eine Flucht-, eine Lebens-, eine Liebesgeschichte beendete.

Diese Geschichte – die aus vielen Geschichten besteht – hat sich wirklich zugetragen. Sie spielt in einer kleinen Stadt bei Magdeburg, in Berlin vor und nach dem Mauerbau, im Harz, wo die Grenzanlagen doch noch nicht fest ausgebaut waren, es auf den einzelnen Menschen ankam. Und in Stuttgart, wo 1963 dem Todesschützen der Prozess gemacht wurde – ihm war nämlich die Flucht in den Westen geglückt. Noch so eine Geschichte.

Die Geschichte findet sich in den Erzählungen von Menschen, die Peter Reisch und Bettina Bönicke gekannt haben und in Archiven, in den Aussagen vor Gericht. Fritz H. will heute nicht darüber sprechen: „Die Sache ist erledigt.“ Ist sie das?

2020 hat das Recherchetheater Vajswerk die Geschichte erforscht und dargestellt – in den drei unterschiedlichen Perspektiven: Großes Kino DDR wird seit fünf Jahren immer wieder gespielt, deutschlandweit.

In 2026 werden nun Jugendliche ihre eigene Version der Geschichte erzählen. Sie machen sich auf Spurensuche, fahren nach Egeln, wo die Geschichte begann und nach Schierke, wo sie endete. Dabei kommen sie mit Zeitzeugen ins Gespräch und setzen mit Zeitzeugnissen ihr eigenes Stück zusammen – in ihrer ureigenen Form. Und zwar wie? Bitte schön: Dies ist eine Einladung zum Mitmachen!  Es werden noch Schulen oder Jugendeinrichtungen als Kooperationspartner gesucht; die Projektbeschreibung gibt es hier.

Wir werden erzählen, wie die Geschichte weitergeht!

  

Das Projekt wird gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Bundesprogramm „Jugend erinnert“, der Förderlinie SED-Unrecht, und der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Foto: Das Gespräch mit Jugendlichen nach einer Aufführung von „Großes Kino DDR“ im Sommer 2025.

MIKROKOSMOS 1990

Das Jahr 1990 ist der Kern von Vajswerks neuer Erzählung der DDR-Geschichte. 2025 ist ein Jubiläumsjahr, viele werden sprechen. Alle wissen Bescheid, irgendwie, die einen werden ihr Erbe pflegen, die anderen ihre Wunden zeigen, Sonntagsreden werden gehalten; die meisten werden schweigen, gar nicht merken, dass unsere (gesamtdeutsche) Gegenwart vor 35 Jahren begann. Vajswerks Mikrokosmos 1990. Ende und Anfang eines Landes richtet sich sehr wohl an diejenigen, die damals dabei waren, aber vor allem an die Menschen, die dafür zu jung waren, so jung sind, wie die handelnden Personen im Recherche-Theater-Stück:

Vier junge Menschen stehen auf der Bühne, sie kommen aus vier Städten der DDR, es ist das Jahr 1990. Ja, sie kommen aus Leipzig und der Hauptstadt der DDR, aber auch aus Hoyerswerda und aus Wismar, auf dem Weg nach Rostock. Jede und jeder der Vier steht für ihre und seine Stadt; wenn sie Verstärkung brauchen, kommen die anderen hinzu. Das Publikum schaut auf jede einzelne Stadt und auf die ganze Republik, im Laufe eines Jahres. – Die Vier sind Schauspieler:innen, zu ihnen gehören vier Historiker:innen. Die Wissenschaftler:innen und die Künstler:innen recherchieren gemeinsam; im mehrmonatigen Arbeitsprozess entsteht ein multi-perspektivisches Theaterstück.

Die handelnden Personen kommen natürlich aus dem Jahr 1989. Sie haben die Massenproteste, die Staatskrise, den Beginn einer Revolution erlebt, sie haben eingegriffen oder einfach beobachtet. Wie geht jetzt – im Jahr 1990 – alles weiter – alles zuende? War das eigene Land, das sich endlich neu zeigte, so jung wie man selbst, plötzlich schon wieder alt? Bleibt einem nur die individuelle Freiheit und die Politik überlässt man jenen, die bald zu „denen da oben“ werden?

So erzählt Vajswerks Projekt auch von unserer Zeit. Mit der Zeit von damals, mittels einzelner Biografien, denen wir durch das Jahr folgen, in dem Deutschland eins wurde und sich in der Interpretation der Geschichte uneins bleibt.

Von und/oder mit Linda Fülle, Laura Mitzkus, Ulrike Müller/Greta Galisch de Palma, Stephan Thiel/Daniel-Frantisek Kamen; Maxie Jost, Katja Lehmann, Stefan Paul-Jacobs, Christian Tietz.

Die beiden Werkstattaufführungen in Berlin waren am 9. Juli im Theater unterm Dach und am 10. Juli im Haus der Jugend Zehlendorf. – Im Oktober (und Februar 2026) geht es an alle vier Orte des Mikrokosmos 1990: Berlin 09.10. Theater unterm DachRostock 10.10. Theater FreigeisterHoyerswerda 21.02.26 Stadtmuseum im SchlossLeipzig 14.10. Ost-Passage Theater – in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek. Einen Einblick in den Arbeitsprozess und das Bühnengeschehen geben Deutschlandfunk Kultur und radio3 und ein Gespräch auf RadioBlau sowie unser Hörstück, seit 3.10. on air:

Den Flyer gibt es hier.

Das Projekt wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung.

 

OKTOBERFRÜHLING

Erinnert man heute an die Friedliche Revolution von 1989, denkt man meist an die Massenproteste in Leipzig und Berlin. Übersehen wird dabei, dass sich die Sprengkraft der Revolution, die das Ende der DDR einleitete, überall im Land entfaltete. Wie flächendeckend die Revolution das Land erfasste, wird deutlich, wenn man sich die Zahl der Orte vergegenwärtigt, in denen schon vor dem Mauerfall demonstriert wurde: mehr als 325, von der Ostsee bis in die Sächsische Schweiz.

So vielfältig wie die Orte sind auch die Ausdrucksformen des Widerstands. Ein Ärzteehepaar vom Müritzsee fährt mit einem Plakat in der Heckscheibe seines PKWs umher und verkündet darauf: „Wir lieben unsere Heimat grenzenlos“; die Freiwillige Feuerwehr Plauen wehrt sich gegen den Einsatz ihrer Tanklöschfahrzeuge als Wasserwerfer gegen friedlich Demonstrierende; bei einer Gesprächsrunde am Theater Rudolstadt übt man sich darin, die eigene Meinung öffentlich kundzutun und in Kühlungsborn kommt es zu einer „Ein-Mann-Demonstration“.

Alles findet gleichzeitig statt, alles geht rasend schnell – einiges auch zu schnell. Erst gärt der Frust über den „Kalk der Fünfziger Jahre“ in den Menschen, dann formiert sich Widerstand. Die Mauer fällt. Es ist ein Wunder, dass alles friedlich bleibt. Aber die begehrten 100 D-Mark Begrüßungsgeld gibt es für Ostdeutsche, aber nicht für den Vertragsarbeiter aus Mosambik. Während einige Oppositionelle nach einem dritten Weg zwischen BRD-Kapitalismus und DDR-Sozialismus suchen, vernichtet die Stasi brisante Akten und setzen sich SED-Funktionäre ins Ausland ab.

Die szenische Lesung montiert historische Quellen und Zeitzeugenberichte zu einem Kaleidoskop der Friedlichen Revolution.

Mit: Daniel-Frantisek Kamen, Hannah Kobitzsch, Stephan Thiel und Anne Greta Weber. Regie&Spielfassung: Katja Lehmann – auf Basis der Recherche von Stefan Paul-Jacobs.            Foto © Bundesstiftung Aufarbeitung.

Nach der Uraufführung bei der Zeitgeschichtlichen Sommernacht der Bundesstifung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (am 10. Juli im Silent Green) war Oktoberfrühling zweimal im Theater unterm Dach zu sehen, am 12&13. Oktober. Anschließend ging das Stück auf Tour* und war in Waren (16.10.), Rostock (17.10.), Bützow (7.11.), Hohen Neuendorf (8.11.), Berlin (9.11.), Wismar (18.11.) zu sehen. In 2025 stand die szenische Lesung am 2. März erneut auf dem Spielplan des Berliner Theater unterm Dach.

* 16.10. 18:30: Waren: St. Georgen Kirche, Sankt-Georgen-Kirchplatz 1 — 17.10. 19:00: Rostock: Petrikirche, Alter Markt 1 — 7.11. 19:30: Bützow: Rathaus Bützow, Am Markt 1 — 8.11. 19:00: Hohen Neuendorf, Ratssaal, Oranienburger Str.2 — Berlin, „Fest der Freiheit“, ab 14:00 — 18.11. 19:00: Wismar: Stadtbibliothek, Ulmenstraße 15

PLATTE MACCHIATO

Is’ dir Latte? – Alles Platte!

Denn im Plattenbau passiert etwas. Etwas, von dem wir alle erfahren sollten…

Raus aus den großstädtischen Straßenschluchten, weg von den verkehrswendeüberfälligen Autobahnschneisen, genug von pastellfarbenem Menschengedränge. Und rein in das platte Land zwischen Fläming und Lausitz, rein in die gute Stube mit Grünkohlduft und Gardinenblick, rein in den Plattenbau am Kleinstadtrand.

Kein in sich geschlossener Mikrokosmos und auch keine Schablone für die Lieblingsvorurteile, sondern ein lebendiges Stück Gesellschaft, das ist die Platte. Und es gibt sie tausendfach, insbesondere auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

In der südbrandenburgischen Kleinstadt Herzberg (Elster) lebt fast ein Viertel der Bevölkerung in einer der drei Neubausiedlungen Herzberg-Nord, Wilhelm-Pieck-Ring oder Richard-König-Straße. Und genau dorthin lädt Platte Macchiato ein.

Platte Macchiato heißt Begegnung und Mix im Plattenbau: Begegnung zwischen Generationen und Kulturen, Mix von Stadt und Land, Dialog zwischen Alltag und Kunst.

Platte Macchiato präsentiert keine Recherche-Ergebnisse, sondern ist offengelegter Recherche-Prozess. Platte Macchiato ist kein Spartenerfüller, sondern ein Collagenentwickler. Platte Macchiato sucht die goldene Mitte, aber findet den goldenen Schnitt.

Platte Macchiato besteht aus einer Atelier- und einer Leuchtturm-Wohnung. Dort finden unregelmäßige offene Formate statt, es werden Gäste geladen, gemeinsame Geschichten manifestiert und das Platte-Macchiato-Manifesto geschrieben. Wer von alldem etwas lesen oder hören möchte, zum Beispiel Manifest-Entwürfe und Interviewschnipsel, aber auch Termine von öffentlichen Veranstaltungen, kann sich hier für den Newsletter anmelden: allesplatte@posteo.de

Wer selbst Teil der Bewegung werden möchte, ist herzlich willkommen! Dafür bitte eine Mail mit dem entsprechenden Codewort an allesplatte@posteo.de schreiben:

Besuch“ für Vor-Ort-Besuche (zum Kieken oder Mitmachen)

Komplizin“ für eigene Beiträge in Form von Formaten oder Werken, die vor Ort durchgeführt bzw. präsentiert werden können

Stimme“ für virtuelle Beiträge für den weiteren Austausch, zum Beispiel eigene Geschichten, Texte, Fotos, Bilder, Musik etc.

Platte Macchiato wird gefördert im Rahmen des Programms „Miteinander Reden“ durch die Bundeszentrale für politische Bildung sowie mit großzügiger Unterstützung der WBG Elsteraue und der Stadtverwaltung Herzberg (Elster).

HÄUTUNGEN FRANZ FÜHMANNS

Für die einen ist Franz Fühmann der größte Autor der DDR und anderen ist er schlichtweg unbekannt. Fühmann selbst beschrieb sich in seinem Testament (1984) als gescheitert: „In der Literatur und in der Hoffnung auf eine neue Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.“

Diesen Lebensweg vermisst Vajswerk nun in einem Recherche-Theater-Projekt. Am Anfang steht ein junger Mann, der sich aus seinen Erfahrungen als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat bewusst für den Sozialismus entschieden hat – und sich dem Neuen Deutschland als Schriftsteller und Parteipolitiker in den Dienst stellt. Und der zunehmend in Konflikt gerät – mit seinem Staat, seinem Werk, seiner Wandlung und sich fortan schreibend die Haut abzieht, den Ort der Seele suchend.

Dies zeigt Vajswerk anhand von zum Teil unbekannten Dokumenten im Spiel eines Schauspielers und einer Schauspielerin als Gegenspielerin – im historischen Berlin-Saal der Berliner Stadtbibliothek in Berlin-Mitte.

Parallel zu den Aufführungen entsteht Ende 2023 ein vierteiliger Podcast. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn wurden zudem Führungen durch Fühmanns Arbeitsbibliothek angeboten.

Es spielen und/oder recherchieren: Christian Erdt und Laura Mitzkus; Kristin Schulz, Isabel Fargo Cole, Silas Dörken und Christian Tietz (Inszenierung); Katja Lehmann (Podcast) Fotos: © Lena Obst

Uraufführung am 29.11. 1.12. 5.12. 6.12.23 – 19 Uhr

Berlin-Saal der Berliner Stadtbibliothek, Breite Str.36, 10178 Berlin

Am 8.12. fand ein öffentliches Nachgespräch statt, um 18 Uhr, ebenfalls in der Berliner Stadtbibliothek, im Erdgeschoss, Kleiner Säulensaal, Breite Str.36

Am 22.2.24 stellten wir unser Projekt im MGH Franz Fühmann in Märkisch Buchholz vor.

Vor 40 Jahren wurde Franz Fühmann auf dem Friedhof in Märkisch Buchholz begraben. Am Dienstag, 16.07.24, fand um 18 Uhr eine Veranstaltung mit Texten und Gästen im MGH Franz Fühmann statt: eine Beerdigung als Demonstration?

Im Sommer 2025 reisten wir zu Fühmanns Geburtsort, ins tschechische Rokytnice nad Jizerou. Davon werden wir berichten und weitere Spuren vom Ende zum Anfang aufnehmen: am Freitag, 05.12.25 in Märkisch Buchholz, um 18 Uhr im MHG Franz Fühmann.

Die erste Episode des Podcasts ist online! — Die Episode#2 gibt es auf Soundcloud hier und auf Podcaster hier — Die Episode#3 auf Soundcloud hier und auf Podcaster hier — Die Episode#4 auf Soundcloud hier und auf Podcaster hier — Und das Programmheft gibt es hier — Und den Flyer hier

Häutungen Franz Fühmanns wird gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die Fotos von © Lena Obst zeigen Laura Mitzkus und Christian Erdt

DER FALL DEAN REED

Hammer + Sichel & Rock ’n’ Roll

Recherche-Projekt-Performance von Student:innen der HTW-Museologie

Sänger, Schauspieler, Drehbuchautor, Cowboy, Friedenskämpfer und Sozialist.

Dean Reed wurde am 22. September 1938 in Denver, Colorado USA geboren. Als Teenageridol in Lateinamerika wurde er auch der rote Elvis genannt. Die dortige soziale Ungerechtigkeit politisierte ihn stark und er wurde zunehmend pro-kommunistisch aktiv. Seine Vorstellung von Frieden und Gerechtigkeit bildete eine klare Konstante in seinem Leben, sodass Dean Reed’s künstlerische Karriere mit dem Verbreiten seiner politischen Vision meist nahtlos ineinander überging. Nach einer zweiten Karriere in der Sowjetunion zog der US-Amerikaner schließlich der Liebe wegen in die DDR.

Diese vielschichtige Persönlichkeit wurde in der Recherchearbeit, von Student:innen aus dem Studiengang Museologie, in verschiedene Elemente aufgespalten und nun in der Umsetzung mit theatralischen Mitteln dargestellt.

Die Gruppe stellt ihn und sein Leben in unterschiedlichen Räumen dar, wobei jeder Raum für einen Abschnitt oder Bereich in Dean Reed’s Leben steht.

Nacheinander wird der Mensch aus unterschiedlichsten Blickwinkeln thematisiert und beleuchtet. Von seiner künstlerischen Präsenz als Musiker, Schauspieler und Entertainer, über den von Dean Reed ausgeübten politischen Aktivismus, bis hin zu dem Menschen privat, sowie seinem Tod und Nachleben.

Durch die mehrperspektivische fachliche Begleitung von Lena Hoffmann und Christian Tietz, vom Recherchetheater Vajswerk, sowie Museologe Prof. Dr. Oliver Rump bewegten sich die Student:innen im Arbeitsprozess an der Schnittstelle von Theater- und Museumsarbeit.

Die Uraufführung fand am 11. März 2022 statt, online und in der HTW. Am Mittwoch, 27. April wurde das Projekt zudem im DDR Museum gezeigt, zur Eröffnung der Ausstellung „Ein Land und seine Helden“. Am 22.Juli wird „Der Fall Dean Reed“ auf der HTW-Werkschau präsentiert: um 12, 16 und 19 Uhr.

UNSER ERBE? Zehlendorf im Osten der Republik.

Mit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung lag auch der Berliner Südwesten plötzlich im Osten der Republik, mitten in der einstigen DDR. 30 Jahre ist das nun her. Ist das unser Erbe?

Mit Jugendlichen aus dem Bezirk (und gerne auch darüber hinaus) gehen wir dieser Frage nach – und geben letztlich darauf eine Antwort, der theatralischen Art.

Im Laufe des Projektes besuchen wir zwei Museen (machen vielleicht auch einen Ausflug) und unterhalten uns mit sechs Vortragenden, die wir im Haus der Jugend Zehlendorf treffen: • die als ostdeutsche Jugendliche die Wende-Revolutions-Zeit erlebten • die als Kind mit den Eltern aus der BRD in die DDR zog • der als Soldat an der deutsch-deutsche Grenze patrouillierte und die als Schriftstellerin über jene einen Bestseller schrieb • der als ‚West-Import‘ Hochschulrektor in Thüringen wurde.

• Cindy Zinser und Alexander Skoczowsky: Vorwendejugend Aufwachsen in der Endzeit der DDR (Di., 13.10., 19 Uhr)

• Annette Leo: „Wo gefällt es Dir besser, im Osten der im Westen?“ 2x Deutschland, die Gründung von BRD und DDR (Di., 20.10., 19 Uhr)

• Mario Dittrich und Isabel Fargo Cole: Die Grenze, ein Grenzsoldat und eine Schriftstellerin Die innerdeutsche Grenze im Harz; militärische Sicherung und literarische Verarbeitung. (Di., 27.10., 19 Uhr)

• Wolf Wagner: Transformation, Übernahme, Ausverkauf? Wiedervereinigung per Beitritt – welche Folgen hatte diese Entscheidung? (Di., 10.11., 19 Uhr)

Wir verfolgen und gestalten diesen Prozess und geben ihm zum Schluss eine Form, einen Ausdruck.

Wegen des Lockdowns war eine öffentliche Performance nicht möglich. Stattdessen fand am 24. November 2020 eine Filmpremiere statt, mit einzelen Filmen zu den einzelnen Vorträgen. Dazu gibt es auch einen Trailer, s.u.

Gefördert mit Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, aus dem Bezirkskulturfonds Darstellende Kunst.

 

Den Flyer zum Stück findet Ihr hier.

https://youtu.be/EVEDvdaSyZ0

GROSSES KINO DDR

Einen historischen Fall – und mutmaßlichen Filmstoff – nimmt das Recherchetheater Vajswerk zum Ausgangspunkt für seine neue Darstellung von DDR-Geschichte und dessen Rezeption. An der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst zeigte bereits TAMARA BUNKE. EINE HELDIN WIRD GEMACHT die Wechselwirkungen von Biographie und Instrumentalisierung. Die konkrete Geschichte einer tödlichen Republikflucht wird nun in GROSSES KINO DDR zur Auseinandersetzung mit dem zentralen Begriff von deutscher Teilung und Einheit: mit dem Begriff Freiheit und dessen politischer und gesellschaftlicher Deutung. „Er wollte nur die Freiheit“ heißt es auf dem Denkmal für den erschossenen Peter Fechter, das zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer errichtet wurde.

Im Kalten Krieg erklärte Axel Cäsar Springer die an der innerdeutschen Grenze erschossenen Flüchtlinge für „Gefallene im deutschen Freiheitskrieg“. Gilt dies auch für Peter Reisch, der am 5. Juni 1962 an den Sperranlagen im Harz tödlich verwundet wurde? Dem Todesschützen – der zuerst geehrt wurde und dann seinerseits in den Westen floh – wurde ein Jahr später in Stuttgart der Prozess gemacht: Das Urteil gegen F. H. wurde zum ersten gegen die sogenannten Mauerschützen. Zu diesen beiden Männern gehört auch eine Frau; ein Brief an sie stecke in der Jackentasche des Republikflüchtlings. In der Heimat fest verwurzelt, geriet sie zwischen die Fronten und lebt heute in Thüringen.

Die Geschichte dieser drei ist ein Stoff, aus dem großes Kino gemacht wird, das dem DDR-Bild eines millionenfachen Publikums entspricht. Beispiele hierfür gib es zahlreiche in der Populärkultur, im gesellschaftspolitischen Mainstream: Freiheitswille versus Repression; DDR-Geschichte dient heute als Folie zur Legitimierung unserer freiheitlichen Gegenwart.

Vajswerk untersucht nun einerseits das Narrativ von Freiheit, Unterdrückung und Flucht in den 40 Jahren der Teilung und den 30 Jahren der Einheit und beschäftigt sich andererseits mit dem authentischen Fall – und den Folgen jener Schüsse aus dem Sommer 1962.

Hier finden Sie drei der zehn Puzzleteile der Inszenierung für das Heimkino:

Mit bzw. von: Laura Mitzkus, Charles Toulouse, Manolo Palma, Markus von Schwerin; Julia Jägle, Mirko Winkelmann, Stefan Paul-Jacobs, Anne Decker, Christian Tietz; Paul Fenski, Mareike Trillhaas.

Die Uraufführung war am 29. Oktober 2020 in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde; am 12. November 2020 war das Stück als Stream zu sehen, zur Prime Time um 20:15. Im Sommer 2022 gab es eine Wiederaufnahme, eine regelrechte Tour: an drei Orten in Berlin sowie in Erfurt, Stuttgart und Egeln. Eine eigene Jugendfassung zeig(t)en wir  am 1.&2.Dezember 2022, am 6.&7. Juli 2023 sowie am 5.&6. Dezember 2024 und aktuell am 8.&11. Juli 2025 – im Haus der Jugend Zehlendorf; am 8.7. um 19:00 &  am 11.7. um 09:00 und 12:00. – Außerdem machten wir uns im April 2024 auf zu einer 2. Deutschlandtour, mit besagter Jugendfassung. 2.4. Halle/Roter Ochse  – 3.4. Egeln/Schule an der Wasserburg – 5.4. Helmstedt/Arbeiterwohlfahrt – 12.4. Berlin, Felix-Mendelsohn-Bartholdy-Gymnasium – 22.4. Rathenow/Kulturzentrum.


Projekt im Prozess: der Blog zu Großes Kino DDR

Großes Kino DDR – Wie alles begann

Nicht nur Schauspieler, sondern auch Rechercheur

Vom Interview zum dramatischen Text

I shot the refugee

Zwischen Telefon, Archiv und Zeitzeugen

Der Fall F.H., die „DDR“ und ihre Aufarbeitung

Schreiben ist Zuhören

Das Ende aller Liebeslieder

Und dann fragten sie sich selbst

„Wir machen gleich Einlass!“


Das Projekt wurde gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, vom Fonds Darstellende Künste im Förderprogramm „#takeheart“ sowie vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf/KiA: Berliner Förderung der darstellenden Künste für ein junges Publikum.

Den Flyer zur Uraufführung finden Sie hier. Den Flyer zur Tour und Wiederaufnahme im Sommer 2022 finden Sie hier.

 

TAMARA BUNKE. EINE HELDIN WIRD GEMACHT

Nach Tamara Bunke wurden Schulen, Kindergärten und Jugendbrigaden benannt; Bücher wurden über sie geschrieben, ihr Leben – an der Seite Che Guevaras – wurde verfilmt; der Asteroid Bunke trägt ihren Namen.

Sie wurde 1937 in Buenos Aires geboren; ihre Eltern waren als Kommunisten aus NS-Deutschland geflohen. 1952 kehrten die Bunkes zurück, um in der DDR ein besseres Deutschland aufzubauen; 1967 wurde Tania in Bolivien als Guerilla-Kämpferin erschossen.

In Vajswerks Recherche-Theater-Projekt geht es um die Instrumentalisierung eines politischen Menschen, um dessen Rezeption: also mehr um das Nachleben als um das Leben einer 29-jährigen Revolutionärin: TAMARA BUNKE. Eine Heldin wird gemacht.

Auf der Bühne gibt es Tania gleich fünfmal. 1/ Als Vorbildfigur in der DDR. 2/ Als Reizfigur ebendort. 3/ Als DDR-Ikone in der BRD. 4/ Als gesamtdeutscher Star des Boulevards: als Geliebte Che Guevaras und/oder Stasi- und/oder KGB-Agentin. 5/ Als aktuelle Bezugsperson für Menschen, die sich mit dem Kauf von Fair-Trade-Produkten nicht zufrieden geben.

Es recherchier(-t)en und spiel(-t)en: Astrid Kohlhoff, Charles Toulouse, Laura Mitzkus, Mathis Eckelmann, Rosanna Steyer; Projektleitung: Julia Jägle undJanetta Stroutchenkov;  Regie: Felicitas Braun und Christian Tietz.
Gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Bezirksamt Treptow-Köpenick.

Uraufführung am 30. November 2018 in der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Wiederauffahme am 30. Januar 2020, ebenfalls in Oberschöneweide. – Eine Lesung im Rahmenprogramm der Sonderausstellung „Ein Land und seine Helden“ findet im DDR Museum statt: am Mittwoch, 10. August 2022 um 18 Uhr.

Fotos & Trailer: Silvio Beck

Den Flyer der Veranstaltung gibt es hier.